Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, warnt angesichts des Irankriegs eindringlich vor einer dramatischen Zuspitzung der globalen Energiekrise. Nach Wochen der Zurückhaltung trat er im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) erstmals an die Öffentlichkeit, um – wie er sagt – „die Welt vorzuwarnen“. Seine Einschätzung fällt alarmierend aus: „Ich habe nicht den Eindruck, dass die politischen Entscheidungsträger die Tragweite des Problems … schon verstanden haben.“
Die von Birol geführte Organisation mit 32 Mitgliedsländern spielt in der Krise eine zentrale Rolle. Die IEA koordinierte bereits die Freigabe strategischer Ölreserven in Rekordhöhe von 400 Millionen Barrel und steht im ständigen Austausch mit Regierungen weltweit. Trotz begrenzter formaler Befugnisse und eines vergleichsweise kleinen Budgets agiert die IEA als wichtige Instanz der internationalen Energiediplomatie.
Birol unterstreicht die Dimension der aktuellen Lage mit historischen Vergleichen. Während die Ölversorgung in den Krisenjahren 1973 und 1979 zusammen um etwa zehn Millionen Barrel pro Tag zurückging, liegt der aktuelle Rückgang bei elf Millionen Barrel täglich. „Der Schaden ist also größer als bei diesen beiden großen Ölpreisschocks zusammen“, betont er. Beim Gas sei die Lage gravierender als nach dem russischen Angriff auf die Ukraine: Die aktuellen Verluste im Mittleren Osten seien mit etwa 140 Milliarden Kubikmetern nahezu doppelt so hoch.
„Hauptarterien der Weltwirtschaft fast alle lahmgelegt“
Besonders kritisch ist die Lage rund um die Straße von Hormus, eine zentrale Handelsroute für Öl, Gas und weitere Rohstoffe. Birol beschreibt sie als „Hauptarterien der Weltwirtschaft“, die derzeit nahezu stillgelegt seien. Sollte die Passage nicht bald wieder geöffnet werden, drohten erhebliche Risiken für die globale Wirtschaft. Selbst im besten Fall könne es Monate dauern, bis Förderkapazitäten wiederhergestellt sind.
Um gegenzusteuern, setzt die IEA auf internationale Kooperation und appelliert an große Förderländer wie Australien, die USA oder Kanada, ihre Produktion zu erhöhen. Kurzfristig seien die Spielräume jedoch begrenzt. Weitere Freigaben strategischer Reserven schließt Birol nicht aus, auch wenn bereits ein Fünftel der Vorräte eingesetzt wurde. Parallel fordert er Maßnahmen zur Senkung des Verbrauchs, etwa Tempolimits und mehr Homeoffice.
Für Europa sieht Birol nur begrenzte Optionen bei der Gasversorgung. Eine Rückkehr zu russischem Gas lehnt er aus wirtschaftlichen, technischen und politischen Gründen ab. Zusätzliche Mengen aus Ländern wie Norwegen, Kanada oder den USA seien möglich, aber begrenzt. Daher sei eine effizientere Nutzung von Energie unerlässlich.
Zugleich spricht sich Birol für einen beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien aus und sieht Deutschland hier auf einem richtigen Weg. Kritisch bewertet er jedoch die Stilllegung der Kernkraftwerke: „Deutschland hat – ich sage das seit fast 20 Jahren wie eine kaputte Schallplatte – einen riesigen strategischen Fehler begangen, indem es die Kernkraftwerke stillgelegt hat.“ Die aktuelle Situation wäre weniger angespannt, wenn diese Kapazitäten noch verfügbar wären.
Mit Blick nach vorn setzt Birol auf technologische Entwicklungen und Effizienzgewinne – auch im Verkehrssektor. „Der Benzinverbrauch von Autos hat sich als Reaktion auf die Ölkrise halbiert“, sagt er. Die Autos seien viel effizienter geworden. Auf einen solchen Effizienzsprung und einen Schub für Elektroautos hofft der IEA-Chef auch jetzt.
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