Die weltweite Automobilindustrie befindet sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Zwar stieg die globale Fahrzeugproduktion im Jahr 2025 um rund vier Prozent auf 92,9 Millionen Fahrzeuge, doch von diesem Wachstum konnten die 100 grten Automobilzulieferer kaum profitieren. Ihr kumulierter Umsatz sank um 2,2 Prozent auf 1.061 Milliarden Euro. Das ergab die neueste Ausgabe der Berylls by AlixPartners TOP 100-Zuliefererstudie.
Hauptursachen waren laut der Unternehmensberatung ungnstige Wechselkurse, eine schwchere Nachfrage nach Elektrofahrzeugen auerhalb Chinas sowie zunehmende geopolitische und wirtschaftliche Belastungen.
Auch die zehn grten Automobilhersteller verzeichneten rcklufige Umstze und einen massiven Einbruch ihrer Profitabilitt. Besonders deutlich zeigt sich der Wandel am Aufstieg chinesischer Unternehmen, die das Innovationstempo und die Marktstruktur der Branche zunehmend bestimmen.
Steigende Produktion reicht nicht mehr fr Zulieferer-Wachstum
Jan Dannenberg von AlixPartners: Obwohl 2025 weltweit mehr Fahrzeuge produziert wurden als im Vorjahr, blieb das Wachstum ungleich verteilt. Whrend China seine Produktion zweistellig ausbaute und inzwischen rund 30 Prozent der globalen Fahrzeugfertigung stellt, stagnierten oder schrumpften die Produktionsvolumina in Europa, den USA und Sdkorea. Die hheren Produktionszahlen fhrten jedoch nicht automatisch zu steigenden Umstzen bei den Zulieferern. Rund 62 der 100 grten Zulieferunternehmen mussten Umsatzrckgnge hinnehmen. Selbst ohne negative Wechselkurseffekte wre das Wachstum nur minimal ausgefallen.
Parallel dazu verschob sich der Fahrzeugmix zunehmend in Richtung preisgnstiger Klein- und Mittelklassemodelle, insbesondere im chinesischen Markt. Dadurch sank der Generaldurchschnittliche Fahrzeugwert, was die Umstze von Fahrzeugherstellern und Zulieferern gleichermaen belastete.
Margendruck erreicht neue Dimension
Noch strker als die Umstze geriet die Profitabilitt der Branche unter Druck, auch das zeigt die TOP 100-Studie. Die durchschnittliche Marge der zehn grten Fahrzeughersteller fiel von 6,9 auf nur noch 4,2 Prozent. Einzelne Unternehmen wie der europische 14-Marken-Konzern Stellantis rutschten sogar tief in die Verlustzone.
Auch die Zulieferindustrie blieb von dieser Entwicklung nicht verschont. Die durchschnittliche Marge der TOP 100-Zulieferer sank von 5,8 auf 5,2 Prozent. Besonders betroffen waren Unternehmen mit hoher Abhngigkeit von der Elektromobilitt. Schwankende Nachfrage, verschobene Fahrzeuganlufe und politische Unsicherheiten fhrten zu hohen Sonderabschreibungen und berkapazitten.
China prgt die neue Wettbewerbsordnung
Alexander Timmer von Berylls by AlixPartners: Die Dynamik der Branche wird zunehmend von chinesischen Unternehmen bestimmt. Zum ersten Mal ist China, gemessen an der Anzahl vertretener Unternehmen, die drittgrte Nation im Ranking der TOP 100-Zulieferer und liegt beim Umsatzanteil inzwischen nahezu gleichauf mit den USA. Mit CATL schaffte es erstmals ein chinesischer Zulieferer auf Rang drei der weltweit grten Automobilzulieferer.
Gleichzeitig wachsen chinesische Unternehmen deutlich schneller als ihre internationalen Wettbewerber. Whrend die globalen TOP 100-Zulieferer in den vergangenen fnf Jahren durchschnittlich um knapp sechs Prozent jhrlich zulegten, erzielten die chinesischen Unternehmen durchschnittliche Wachstumsraten von rund 16 Prozent pro Jahr. Zustzlich entstehen in China neue Technologiefhrer im Bereich autonomes Fahren und softwarebasierter Mobilitt. Unternehmen wie Huawei, Horizon Robotics oder Momenta investieren massiv in Zukunftstechnologien und profitieren dabei von einer klaren industriepolitischen Untersttzung.
Der strukturelle Vorteil Chinas basiert dabei nicht nur auf Innovation, sondern auch auf langfristig niedrigeren Produktionskosten. Seit dem Jahr 2000 sind die Erzeugerpreise in der Volksrepublik deutlich langsamer gestiegen als in Deutschland oder den USA. Dadurch verfgen chinesische Zulieferer heute ber erhebliche Kostenvorteile gegenber westlichen Wettbewerbern.
E-Mobilitt entwickelt sich regional sehr unterschiedlich
Die Entwicklung der Elektromobilitt verluft der Studie zufolge zunehmend uneinheitlich. Whrend chinesische Hersteller ihre Elektrostrategie konsequent fortsetzen, verzgern westliche Autobauer zahlreiche batterieelektrische Programme deutlich. Besonders stark betroffen sind US-amerikanische und sdkoreanische Hersteller. Gleichzeitig verlngern viele westliche Hersteller die Laufzeiten ihrer Verbrennerplattformen, um bestehende Produktionsanlagen besser auszulasten und kurzfristig Liquiditt zu sichern.
Die Rcknahme staatlicher Frderungen insbesondere in den USA verschrfte diese Entwicklung zustzlich. Dadurch entstehen erhebliche Belastungen fr Zulieferer, die bereits hohe Investitionen in Elektromobilitt gettigt haben. Produktionskapazitten bleiben lnger unausgelastet, Kapital bindet sich ber lngere Zeitrume und die Finanzierungskosten steigen.
Hersteller erhhen Druck auf ihre Lieferketten
Angesichts sinkender Gewinne konzentrieren sich die Fahrzeughersteller wieder strker auf Kostensenkungen. Besonders betroffen ist dabei der Materialaufwand und damit die Zulieferindustrie.
Jrgen Simon, Partner bei Berylls by AlixPartners: Die Folge sind hrtere Preisverhandlungen, lngere Claiming-Prozesse und eine restriktivere Untersttzung angeschlagener Lieferanten. Gleichzeitig zeigt sich, dass vor allem technologisch anspruchsvolle Segmente ihre Profitabilitt besser verteidigen knnen. Halbleiterhersteller bleiben mit Abstand das margenstrkste Segment der Branche. Hohe Eintrittsbarrieren, technologische Komplexitt und geopolitische Abhngigkeiten verschafften ihnen weiterhin erhebliche Verhandlungsmacht gegenber Autoherstellern. Dagegen gerieten Anbieter austauschbarer Standardkomponenten zunehmend unter Druck.
Handelskonflikte und Standortkosten verndern Lieferketten
Der eskalierende Handelskonflikt zwischen Europa und den USA belastete im Jahr 2025 die transatlantischen Lieferstrme massiv. Sowohl Importe als auch Exporte gingen deutlich zurck. Gleichzeitig verloren europische Unternehmen Marktanteile in China und Indien, whrend die Exporte Asiens nach Europa zunahmen. Dabei entwickelt sich Indien laut der Studie zunehmend zu einem strategischen Gewinner der globalen Neuordnung. Zahlreiche Zulieferer investieren dort in neue Werke und Entwicklungszentren. Staatliche Frderprogramme und Anforderungen an lokale Wertschpfung beschleunigen diesen Trend zustzlich.
Deutschland hingegen erlebt einen deutlichen Rckbau industrieller Kapazitten. Mehrere Werksschlieungen, umfangreiche Stellenabbauprogramme und ausbleibende Neuansiedlungen verdeutlichen den strukturellen Druck auf den Standort.
Jan Dannenberg erlutert: In den letzten acht Jahren sind in der deutschen Autoindustrie etwa 100.000 Arbeitspltze verloren gegangen. Dieser Trend ist in den nchsten Jahren nicht aufzuhalten. Und Deutschland baut Standorte ab, die woanders neu entstehen. Wir sprechen mittlerweile von einer Reduktion der Wertschpfung in unserer Industrie um 20 bis 25 Prozent. Die nchsten drei bis fnf Jahre werden bitter fr die deutsche Zulieferindustrie. Vor allem fr Mittelstndler, die ihr Geschft noch nicht stark internationalisiert haben.
Finanzierung bleibt zentrale Herausforderung
Die Transformation der Branche erfordert hohe Investitionen in neue Technologien, Produktionsnetzwerke und Digitalisierung. Gleichzeitig erschweren sinkende Margen und steigende Finanzierungskosten den Zugang zu Kapital.
Alexander Timmer dazu: Whrend sich die Aktienmrkte 2025 teilweise erholten und viele Zulieferer deutliche Kursgewinne verzeichneten, bleiben Banken und Fremdkapitalgeber vorsichtig. Die Branche befindet sich damit in einem Spannungsfeld zwischen notwendiger Transformation und begrenzter finanzieller Handlungsfhigkeit.
„Anpassungsfhigkeit wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor“
In den kommenden Jahren werden nach Einschtzung der Unternehmensberater Flexibilitt, regionale Prsenz und technologische Innovationskraft ber den Erfolg der Zulieferer entscheiden. Die Branche bewegt sich zunehmend in Richtung Local for Local: Produktion und Lieferketten werden regionalisiert, um Handelsrisiken zu reduzieren und Kundennhe zu gewhrleisten. Gleichzeitig erffnen chinesische Autohersteller durch ihre internationale Expansion neue Geschftsmglichkeiten fr westliche Zulieferer.
Zustzliche Wachstumsfelder entstehen im Aftermarket-Geschft, in Non-Automotive-Bereichen sowie durch den verstrkten Einsatz von knstlicher Intelligenz, Robotik und Automatisierung, sagt Jrgen Simon. Unternehmen, die diese Technologien konsequent integrieren und gleichzeitig ihre Kostenstrukturen optimieren, knnen sich langfristige Wettbewerbsvorteile sichern.
Die entscheidende Herausforderung bleibe jedoch die Finanzierung dieser Transformation. Erfolgreiche Zulieferer mssten deshalb ihre Portfolios fokussieren, nicht-strategische Geschftsbereiche veruern und ihre Kapitalbindung konsequent reduzieren.
Die Automobilindustrie stehe damit vor einer neuen Phase des globalen Wettbewerbs, die von geopolitischen Verschiebungen, technologischer Neuordnung und dem Aufstieg Chinas zur dominierenden Kraft der Branche geprgt sei.
Automobile Magazine – Germany
2026-05-27 17:28:00






















