Analyse: Europas Autoindustrie unterschätzt Risiken in der Lieferkette

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Die Krise der Automobilzulieferer in Europa spitzt sich laut Branchenkennern zu. Sie trifft die Branche laut dem Wiener Supply-Chain-Spezialisten Prewave an einer Stelle, die viele Unternehmen zu lange unterschätzt haben: tief in der Lieferkette.
„Innerhalb weniger Wochen verdichten sich die Warnsignale“, berichten die Experten von Prewave. „Im Harz kämpfen mit Bohai und der Schlote-Gruppe gleich zwei Zulieferer ums Überleben, mehr als 1.000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Der Traditionszulieferer Erich Jaeger hat nach rund 90 Jahren Insolvenz angemeldet. Gleichzeitig reagiert auch die Herstellerseite: Renault plant den Abbau von bis zu 2.400 Ingenieursstellen.“
Auch die Insolvenzzahlen bestätigten den Trend: In Deutschland sei die Zahl großer Unternehmensinsolvenzen zuletzt um 21 Prozent gestiegen, nahezu jede sechste Insolvenz betreffe einen Automobilzulieferer. Das sei ein Plus von 65 Prozent gegenüber 2024.

„Hälfte der Top-Zulieferer bereits im Stress“
Was wie eine Häufung einzelner Krisen wirkt, folgt Prewave zufolge einem klaren Muster. Eine Analyse zeige, wie weit dieses Muster bereits fortgeschritten ist. Grundlage seien mehr als eine Million ausgewertete „Supply-Chain-Alerts“ sowie Daten zu knapp 8000 Zulieferunternehmen entlang der tieferen Lieferkettenstufen.
Das Ergebnis: 2026 dürfte sich zum kritischen Jahr für die Stabilität der europäischen Zulieferindustrie entwickeln. Denn der Druck sei längst in der ersten Reihe angekommen. 22 von 44 untersuchten Tier-1-Zulieferern wiesen kritischen oder hohen finanziellen Stress auf, weitere 23 Prozent befänden sich im erhöhten Risikobereich. Stabil sei damit nur noch rund jedes vierte der analysierten Unternehmen, so Prewave.
„Zehntausende Warnsignale aus Tier-2“
Noch deutlicher werde die Entwicklung in den unteren Stufen der Lieferkette. Seit 2021 seien bei sogenannten Tier-2-Zulieferern mehr als 46.000 Hinweise auf finanzielle Schieflagen und drohende Insolvenzen registriert worden. Diese Signale entstünden lange, bevor Unternehmen tatsächlich Insolvenz anmelden. Parallel dazu verschärften sich auch die operativen Indikatoren deutlich: Die Zahl der gemeldeten Standortschließungen sei von 930 Fällen im Jahr 2021 auf jeweils über 7500 Fälle in den Jahren 2024 und 2025 gestiegen.
Gleichzeitig haben sich Prewave zufolge Restrukturierungen von 1522 auf 5698 Fälle mehr als verdreifacht. Diese Entwicklung beschreibe den eigentlichen Krisenverlauf. Zunächst gerieten kleinere und spezialisierte Zulieferer unter Druck – durch sinkende Volumina, steigende Kosten und begrenzte Preissetzungsspielräume. Erst im nächsten Schritt würden sich diese Effekte in Lieferproblemen, Kostensteigerungen und schließlich in finanziellen Belastungen entlang der gesamten Lieferkette niederschlagen.
„Oft erst sichtbar, wenn es zu spät ist“
Für Autohersteller entsteht daraus laut den Lieferketten-Experten eine kritische Verzerrung in der Risikowahrnehmung. Auf den ersten Blick scheine die Lage stabil: Bei den direkten Zulieferern (Tier-1) sei häufig keine unmittelbare Gefährdung erkennbar. Doch dieser Eindruck täusche. Denn die Risiken entstünden mehrere Stufen tiefer, bei Unternehmen, die nicht immer aktiv überwacht werden.
Die Prewave-Analyse soll die Dimension dieser Lücke deutlich machen: „Während auf Tier-1-Ebene praktisch keine direkte Betroffenheit sichtbar ist, sind bis zu 64 Prozent der OEMs über Tier-5-Zulieferer indirekt mit finanziell angeschlagenen Unternehmen verbunden. Bereits auf Tier-4-Ebene liegt dieser Anteil bei 41 Prozent. Ein Großteil der Hersteller ist demnach bereits betroffen – nur nicht dort, wo sie hinschauen.“
„Insolvenzen werden Einfallstor für internationale Investoren“
„Gerät ein spezialisierter Zulieferer unter finanziellen Druck, wird er zum Übernahmeziel. Und das häufig für Investoren außerhalb Europas“, erklärt Prewave. Technologien, Patente und industrielle Kompetenzen gingen dabei zunehmend an Käufer aus den USA, Indien oder China über. Was kurzfristig als Sanierung oder Fortführung erscheine, habe langfristige Folgen für den Standort. Mit jeder Transaktion würden sich nicht nur Eigentumsverhältnisse verschieben, sondern auch strategische Entscheidungen über Produktion, Investitionen und Weiterentwicklung.
„Wertschöpfung und Innovationsfähigkeit wandern schrittweise dorthin, wo Kapital und industriepolitische Rahmenbedingungen günstiger sind“, so Prewave. „Gerade in einem Umfeld, in dem europäische Zulieferer unter steigenden Kosten, schwacher Nachfrage und wachsendem Wettbewerbsdruck stehen, verstärkt dieser Mechanismus die strukturelle Schwäche. Die aktuelle Insolvenzdynamik ist damit mehr als eine konjunkturelle Phase. Sie wird zunehmend zu einem Faktor im globalen Wettbewerb um Technologie und industrielle Kontrolle – mit direkten Auswirkungen auf die langfristige Wettbewerbsfähigkeit Europas.“
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