Autoverband VDA: „Reformen in Brüssel und Berlin überfällig“

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Präsidentin Hildegard Müller hat in der Jahrespressekonferenz des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) erklärt, dass ein umfassendes Reformprogramm für Standortattraktivität und Wettbewerbsfähigkeit zentrale Voraussetzung für eine wirtschaftliche Trendwende sei.
Während in Berlin erste richtige Impulse gesetzt würden, hat Müller für die Herangehensweise der EU-Kommission in Brüssel zunehmend kein Verständnis: „Noch zu oft begegnet der Wirtschaft in Brüssel eine Kombination aus Realitätsverweigerung und Relevanzillusion. Dabei gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass es ohne wirtschaftliche Stärke keine internationale Bedeutung und Durchsetzungskraft Europas gibt – doch diese Erkenntnis hat gerade die EU‑Kommission noch nicht verinnerlicht.“
„Europas Schwäche wird beobachtet und genutzt“
„Ob in Berlin oder Brüssel: Zu oft verharren wir in einer sehr konkreten Beschreibung der komplexen Herausforderungen – ohne aber in die Problembewältigung zu kommen. Doch die Realität holt uns immer wieder ein. Ob bei den Zollverhandlungen mit den USA, ob im Wettkampf mit China und anderen Regionen oder in Davos: Wir, Europa und Deutschland, bekommen zunehmend vorgeführt, dass unser Modell, unsere Art und Weise, Transformation planwirtschaftlich zu regulieren, kein Erfolgsmodell ist“, so Müller.
„Im Gegenteil: Es ist die Einladung an andere, an unsere Wettbewerber und Konkurrenten, die Lücken einzunehmen, die Europa durch die fehlende Standortattraktivität hinterlässt. Sie gelangen dadurch in eine Führungsposition, wachsen wirtschaftlich und profitieren von unserer Schwäche. Das ist eine gefährliche Schwäche, die letztlich zum Verlust von Arbeitsplätzen und Wohlstand führt. Zahlen, Daten und Statistiken belegen diese Erkenntnis.“
„Potenzial unseres Landes größer als die Herausforderungen“
Auch wenn die Aufgaben in Europa und Deutschland gewaltig seien, betonte Müller: „Das Potenzial dieses Landes, die Innovationsfähigkeit, die Leistungsfähigkeit und das Engagement vieler Menschen hierzulande sind einzigartig und versetzen uns absolut in die Lage, weltweit Maßstäbe zu setzen. Entscheidend ist, die richtigen Anreize zu setzen, unsere Stärken zu fördern und zu fordern sowie unsere Schwächen zu benennen und zu überwinden.“
Fakt ist laut Müller: „Deutschland verfügt über einzigartige Stärken: hochqualifizierte Fachkräfte, beeindruckende Innovationskraft, hohe industrielle Kompetenz, angesehene Forschung, einen starken Mittelstand und globale Vernetzung. Jetzt geht es darum, diese Stärken wieder zu entfesseln. Dafür entscheidend ist auch: Ein neues Vertrauen als Antwort auf eine überbordende und von Misstrauen geprägte Regulierung. Das gilt insbesondere mit Blick auf die EU.“

Mit Blick auf das „Automobilpaket“, das weiterhin in Brüssel verhandelt wird, erklärte die Lobbyistin: „Jetzt muss Deutschland mit Nachdruck dafür werben, dass die angekündigte technologische Öffnung von Brüssel nicht nur versprochen, sondern auch praktisch ermöglicht wird. Grundsatz muss sein: weg von Verpflichtungen und Strafen und hin zu marktbasierten Anreizen. Mit den aktuellen Vorschlägen können wir als Automobilnation absolut nicht zufrieden sein.“ Statt Lippenbekenntnissen brauche es konkrete Taten: „Eine Anpassung der CO₂-Minderungsziele vorgeblich auf minus 90 Prozent, die gleichzeitig an Bedingungen und neue Auflagen gekoppelt wird, ist keine Entlastung und gibt auch keinerlei Planungssicherheit.“
„Für wirkliche Reformen braucht es neue Debattenkultur“
Besonders problematisch für wirkliche Veränderung und tiefgreifende Reformen sei der Umgang mit Vorschlägen und Ideen, sagte Müller. „Wir alle erleben zunehmend eine Unfähigkeit zur Debatte, schlimmer noch: Oft erlebt man ein ganz bewusstes Missverstehen von Vorschlägen, aus dem dann versucht wird, (politisch) Kapital zu schlagen. Dieses bewusste Missverstehen war einmal Instrument der Populisten, inzwischen aber ist es ein immer häufiger genutztes Mittel, befeuert von Social‑Media-Algorithmen. Dieses Prinzip wird damit zum Blocker für Reformen und Veränderung“
„Mit anderen Worten: Ohne eine andere Art der Debattenkultur werden wir die notwendigen Reformen und den Wandel als Gesellschaft nicht meistern können“, so Müller weiter. „Es gilt hier wie grundsätzlich: Reformen sichern Zukunftsfähigkeit. Und soziale Sicherheit ist nur tragfähig, wenn sie finanzierbar und leistungsfähig bleibt. Deswegen gilt es, zu reformieren, um Arbeitsplätze und Wohlstand zu erhalten und das Land zukunftsfest zu machen.“
Ein Mentalitätswandel, eine andere Debattenkultur und Mut zur seien zwingende Voraussetzungen für das notwendige umfassende Reformprogramm.
VDA-Umfrage: Investitionstätigkeit in Deutschland weiter schwach
Bei der Jahrespressekonferenz stellte VDA-Chefvolkswirt Manuel Kallweit die Ergebnisse einer Umfrage vor, die der Verband regelmäßig unter den Automobilzulieferern (Herstellergruppe III) sowie den mittelständisch geprägten Herstellern von Anhängern, Aufbauten und Bussen (Herstellergruppe II) durchführt.
Die Umfrage zeigt unter anderem, dass die Investitionsabsichten in Deutschland weiter schwach sind. 72 Prozent der Unternehmen wollen eigentlich geplante Investitionen in Deutschland verschieben, verlagern oder ganz streichen. Im Detail: 28 Prozent planen eine Investitionsverlagerung ins Ausland, 19 Prozent eine Streichung und 25 Prozent verschieben ihre Investitionen.
Bei den Investitionen zeigt sich eine geografische Verschiebung: Während jedes dritte Unternehmen plant, seine Investitionen in der EU zurückzufahren (33 %), gilt das mit Blick auf die USA nur für 3 Prozent der Unternehmen, mit Blick auf China nur für 5 Prozent. Und umgekehrt zeigt sich: 18 Prozent wollen ihr Engagement in der EU ausweiten, in China (22 %) und den USA (28 Prozent) sind es mehr.
Nach den Investitionen wird auch die Beschäftigung verlagert
„Der Industriestandort Deutschland und Europa ist unter Druck“, erklärt der VDA. Das hat auch Auswirkungen auf die Beschäftigung, die Umfrage ergab dazu: Im vergangenen Jahr 2025 haben rund zwei Drittel (64 %) der befragten Unternehmen Beschäftigung am Standort Deutschland abgebaut. Dabei spielte für 87 Prozent die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland eine große oder sogar sehr große Rolle.
Und auch der aktuelle Blick zeigt auf, welche Verschiebungen derzeit stattfinden: Rund jedes zweite Unternehmen (49 %) baut aktuell Beschäftigung in Deutschland ab. Bei 46 Prozent der Unternehmen bleiben die Beschäftigungszahlen hierzulande konstant, lediglich 5 Prozent bauen in Deutschland Beschäftigung auf.
Die Ergebnisse der Umfrage verdeutlichen, dass die herausfordernde Lage am Industriestandort zur Beschäftigungsverlagerung ins Ausland führt: Von den Unternehmen, die Beschäftigung in Deutschland abbauen, baut beinahe die Hälfte (49 %) gleichzeitig im Ausland Beschäftigung auf. Weitere 38 Prozent der Unternehmen, die in Deutschland Beschäftigung abbauen, lassen die Beschäftigung im Ausland konstant. Und lediglich 13 Prozent der Unternehmen, die in Deutschland Beschäftigung abbauen, tun das auch im Ausland.
Nur 6 Prozent der insgesamt bei der Umfrage befragten Unternehmen bauen Beschäftigung sowohl in Deutschland als auch im Ausland ab. Aber jedes vierte Unternehmen (24 %), das sich an der Umfrage beteiligt hat, baut in Deutschland ab und im Ausland auf. Und während, siehe oben, fast die Hälfte in Deutschland Beschäftigung abbaut, tun das nur 7 Prozent auch im Ausland. Verlagern aus dem Ausland nach Deutschland: Das tut kein einziges Unternehmen.
„Diese Daten zeigen eines erneut: Es geht hier nicht um die Krise der Industrie, sondern es ist unbestreitbar: Deutschland hat eine massive Standortkrise. Die Bedingungen am Standort Deutschland und Europa verschlechtern sich zusehends. Das bringt die Unternehmen und ganz besonders den automobilen Mittelstand unter Druck“, so VDA-Präsidentin Müller.
„In dieser Zeit müssen die Unternehmen aus wirtschaftlichen Gründen bedauerlicherweise täglich gegen den Standort Deutschland und Europa entscheiden. Klar ist: Das Abwandern von Investitionen und Beschäftigung wird nicht ohne Konsequenzen für den Wohlstand unseres Landes und für dessen gesellschaftliche und politische Stabilität bleiben. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft – umso wichtiger ist, dass die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden. Bedeutet: Alles, was Wachstum schafft, muss oberste Priorität haben in Brüssel und Berlin. Dabei gilt auch: Abschottung wird zum Boomerang. Jeder Versuch, den Standort abzuschotten, schadet den Interessen der exportorientierten deutschen Automobilindustrie und den Beschäftigten in Deutschland.“

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