Renault-Chef Provost: „100 Prozent elektrisch bis 2035 ist nicht möglich“

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Der neue Renault-Chef François Provost drängt die Europäische Union zu mehr Flexibilität bei den Emissionsvorgaben. Unter seiner Führung soll der französische Hersteller kleinere und günstigere Elektroautos entwickeln. In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und anderen internationalen Medien forderte Provost schnelle Entscheidungen über grundlegende Änderungen der Regulierung und warnte vor einem möglichen Niedergang der europäischen Autoindustrie.
Er sehe zwar ein wachsendes Problembewusstsein in Brüssel und in den Regierungen, doch konkrete Schritte fehlten bislang. „Einerseits bin ich erfreut darüber, dass es ein Gefühl der Dringlichkeit dafür gibt, dass etwas getan werden muss, bei der EU-Kommission und bei den meisten Regierungen, mit dem Bewusstsein, dass wir ohne Änderungen den Niedergang von Europas Autoindustrie verursachen“, sagte Provost.
„Zugleich bin ich nicht zufrieden damit, dass wir nichts Konkretes sehen.“ Er unterstütze die Forderungen deutscher Vorstandsvorsitzender nach mehr Flexibilität für die 2035er-Regeln, nach technischer Neutralität und nach der Einbeziehung von teilelektrischen Antrieben in künftige Antriebsoptionen.

„Schnelle Elektrifizierung ist unrealistisch“
Am grundsätzlichen Kurs der Elektrifizierung hält Provost fest, stellt aber die Umsetzbarkeit eines vollständigen Umstiegs infrage. „100 Prozent elektrisch bis 2035 ist nicht möglich, die EU muss da flexibel sein.“ Auch die bereits ab 2030 vorgesehenen drastischen Reduzierungen der Flottenemissionen, die einen hohen Anteil batterieelektrischer Fahrzeuge verlangen, hält er in der derzeitigen Form für problematisch. Eine bloße Fristverlängerung bis 2032 reiche nicht aus. „Eine schnelle Elektrifizierung ist unrealistisch“, meinte der Renault-Boss.
Als Hemmnisse für den Absatz nennt Provost vor allem die höheren Preise batterieelektrischer Fahrzeuge im Vergleich zu Verbrennern sowie Unsicherheiten bei Reichweite und Ladeinfrastruktur. Viele Kunden fürchteten, auf längeren Strecken in Europa nicht ausreichend laden zu können, und wüssten oft nicht genau, welche Kosten beim Laden entstehen.
Für den Ausbau der Ladeinfrastruktur sieht Provost nicht die Hersteller in der Verantwortung. Zwar gebe es etwa an deutschen Autobahnen zunehmend Ladesäulen, doch europaweit sei das Angebot noch nicht flächendeckend. Erst „in acht oder zehn Jahren, wenn es überall genug Ladesäulen gibt, auch zum Beispiel in Kroatien“, könne ein vollständiger Umstieg auf elektrische Antriebe gelingen.
Plug-in-Hybride als Zwischenlösung
Kurzfristig empfiehlt Provost insbesondere in Deutschland eine stärkere Fokussierung auf Plug-in-Hybride. Diese könnten mehr als 100 Kilometer elektrisch fahren und verfügten zusätzlich über einen Verbrennungsmotor. Bei großen Fahrzeugen sei es „dumm, die täglichen Pendlerstrecken mit rein elektrischen Autos mit 100-Kilowatt-Batterien und drei Tonnen Gewicht zu bewältigen“. Teilzeitstromer seien ein geeigneter Weg, Kunden schrittweise an den Elektroantrieb heranzuführen.
Bei kleineren Fahrzeugen sieht Provost größere Chancen für einen schnelleren Umstieg auf Elektroantriebe. Eine von der EU-Kommission angedachte Extrakategorie bis zu einer Länge von 4,2 Metern könne helfen, Kosten zu senken und der Überalterung des europäischen Fahrzeugbestands entgegenzuwirken.
Derzeit seien die Margen bei Elektroautos noch geringer als bei anderen Antrieben. Renault habe sich eine Kostenreduzierung von 40 Prozent für den Elektroantrieb vorgenommen und davon bereits die Hälfte erreicht, wie der Vergleich der Modelle Scenic und R5 zeige. In den kommenden zwölf Monaten solle zudem die Batteriechemie verändert werden, um Kosten zu senken und Reichweiten zu erhöhen.
Statt klassischer Skalierung setzt Provost auf Agilität, ähnlich wie sein Vorgänger Luca de Meo. Dieser hatte unter anderem eine Partnerschaft mit dem chinesischen Hersteller Geely im Bereich Hybrid- und Verbrennungsmotoren geschlossen. Und dank der Zusammenarbeit mit bislang ungenannten Chinesen wurde der neue, reine elektrische Twingo in weniger als zwei Jahren entwickelt.
Mit Blick auf die Unternehmensstruktur will Provost eigene Akzente setzen. So soll die Elektro-Tochter Ampere aufgelöst und ihre Aktivitäten neu organisiert werden, um Prozesse zu vereinfachen. Ampere war unter de Meo als eigenständige Einheit gegründet worden und sollte an die Börse gehen, doch Investoren zeigten sich von dem Vorhaben wenig überzeugt.

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