Die Vizepräsidentin des chinesischen Elektroauto- und Plug-in-Hybrid-Herstellers BYD, Stella Li, hat im Gespräch mit dem Portal Edison die strategischen Ambitionen des Unternehmens in Europa skizziert. BYD hat 2025 Tesla als weltweit erfolgreichsten Elektroauto-Verkäufer überholt, will aber weiter auch noch auf Teilzeitstromer setzen.
Mit Blick auf das von der EU geplante, allerdings wohl so nicht kommende Aus für neue Autos mit fossilem Antrieb ab 2035 betont Li, Europa müsse selbst entscheiden, „was das Beste für Europa, seine Bürger, seine Industrie und seine Umwelt ist“. BYD sehe sich auf jedes Szenario vorbereitet – sowohl mit effizienten Plug-in-Hybriden mit über 1000 Kilometern Reichweite als auch mit einer umfassenden, technologisch fortschrittlichen Elektrofahrzeugpalette. Zudem biete das Unternehmen Schnellladegeräte an, die ein Aufladen in der Zeit eines Tankvorgangs ermöglichen sollen.
Ein mögliches neues EU-Fahrzeugsegment unterhalb klassischer Stadtautos beobachtet BYD aufmerksam. Ein in Japan vorgestelltes Kei-Car-Konzept sei auf den dortigen Markt zugeschnitten, sollte Europa eine entsprechende Klasse forcieren, wolle man rasch reagieren. Mit dem geplanten Werk in Ungarn könne ein sehr kompaktes und erschwingliches Stadtauto ohne Zollnachteile produziert werden, erklärt die Managerin.
Neben dem ungarischen Werk und einer Produktionsstätte in der Türkei, deren Anlauf Anfang 2027 erwartet wird, prüft BYD weitere Standorte in Europa. Eine Liste möglicher Länder – darunter etwa Spanien – existiert laut Li, eine Entscheidung über ein drittes Werk sei jedoch noch nicht gefallen.
Export-Fokus derzeit auf der Kernmarke
Beim Markenaufbau setzt BYD zunächst weiter auf die Kernmarke. Seit fast vier Jahren ist man in Europa aktiv und habe stark in die Positionierung investiert, so die Managerin. Erst danach solle die Expansion weiterer Konzernmarken erfolgen. Die Premiummarke Denza verfüge bereits über Erfahrung mit Mercedes-Benz und sei in ausgewählten Märkten etabliert, während die Premium-Luxus-Elektromarke Yangwang später folge.
Für Yangwang plant BYD den Europa-Start in der zweiten Jahreshälfte 2027. Die konkrete Markteintrittsstrategie wird derzeit erarbeitet, das erste Modell ist noch nicht benannt. Li ist überzeugt, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Produkte die Markenbekanntheit steigern wird. Angesichts etablierter Premiummarken wie Mercedes-Benz, Audi oder BMW setze BYD auf technologische Stärke, um Kunden zu überzeugen.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten in Europa hat BYD seine Strategie angepasst. Neue Managementteams mit fundierten Marktkenntnissen sowie ein Geschäftsmodell mit direkter Zusammenarbeit mit nationalen Vertriebsgesellschaften sollen Vertrieb und Händlernetz besser kontrollierbar machen. Dies ermögliche schnellere Reaktionen auf Marktveränderungen und eine finanzielle Stärkung der Händler, sagt Li.
Europa sei für BYD qualitativ der wichtigste Markt. Die dortige, als besonders anspruchsvoll geltende Kundschaft, wirke als Antrieb für Innovation. „Wenn wir in Europa erfolgreich sind, wissen wir, dass wir überall auf der Welt erfolgreich sein können“, so die Managerin.
BYD sieht sich als Technologieunternehmen
BYD versteht sich nicht nur als Autobauer, sondern als Technologieunternehmen. Der als Batteriehersteller gestartete Konzern produziert Komponenten für ein Drittel aller weltweit verkauften Smartphones und liefert Energiespeicher an zahlreiche westliche Marken. Mit mehr als 100.000 Ingenieuren, täglich 45 neuen Patentanmeldungen und rund 70.000 registrierten Patenten sieht Li die Innovationsorientierung als zentrale Stärke.
Technologische Beispiele nennt sie mehrere: eine Denza-Technologie, die auch bei einem Reifenplatzer bei 180 km/h eine sichere Weiterfahrt ermöglichen soll, die „Cell-in-Body“-Bauweise von Elektroautos mit um ein Drittel höherer Torsionssteifigkeit sowie „Flash Charger“, die in fünf Minuten 400 Kilometer Reichweite nachladen können. Diese Ultraschnellladegeräte wurden 2025 in China eingeführt, weltweit sollen ab diesem Jahr 6000 Stationen entstehen – auch in Europa.
In Festkörperbatterien sieht BYD den nächsten großen Entwicklungsschritt. Sie versprechen eine höhere Energiedichte und vor allem auch mehr Sicherheit, sind aber noch kostenintensiv. Ein Einsatz in exklusiveren Modellen innerhalb dieses Jahrzehnts gilt als möglich, die Massenproduktion wird laut Li länger dauern. Bei Lithium-Ionen-Batterien bevorzugt sie klar die LFP-Technologie: Lösungen mit Lithium-Eisenphosphat-Chemie seien sicherer, günstiger und mit 10.000 Ladezyklen langlebiger. Einzig die geringere Energiedichte gegenüber NMC (Nickel-Mangan-Kobalt) bleibe ein Nachteil, den BYD mit dem Cell-in-the-Body-System, bei dem die Batterie direkt in die Fahrzeugstruktur integriert wird und tragende Funktionen übernimmt, kompensiere.
Auch über Marketing und Image spricht die Managerin. Das Engagement bei der Fußball-Europameisterschaft 2024 habe die Marke deutlich bekannter gemacht. Ein Einstieg in den Motorsport werde geprüft, eine Entscheidung sei noch nicht gefallen. Derzeit präge das Hochleistungsfahrzeug Yangwang U9 Extreme das Markenimage – mit dem Anspruch, das schnellste Auto der Welt zu bauen.
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