Autozulieferer: Studie zeigt tiefgreifende Branchenverschiebungen

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79 Prozent der deutschen Automobilzulieferer, die vom Strukturwandel in ihrer Industrie betroffen sind, wenden sich neuen Branchen zu. 25 Prozent bauen Geschäft im Bereich Rüstung auf, gefolgt von Energie, Luftfahrt, Medizintechnik und Bahn. Den Wettbewerb um chinesische Hersteller (OEMs) nimmt über die Hälfte (57 %) gar nicht erst auf. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Befragung von Vorständen und Geschäftsführern deutscher Automobilunternehmen durch das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Unternehmensberatung FTI-Andersch.
28 Prozent der Befragten berichten von einem zunehmend erschwerten Kreditzugang„Wir erleben einen tiefgreifenden Strukturbruch“, sagt Ralf Winzer, Vorstand und Partner bei FTI-Andersch. „Viele Autozulieferer wenden sich neuen Industrien zu, weil sie in der eigenen Branche keine ausreichende Perspektive mehr sehen.“
Tatsächlich zeigt die Befragung: Drei von vier deutschen Automobilzulieferern (75 %), die nach eigener Aussage vom Strukturwandel in ihrer Industrie betroffen sind, bauen ihr Geschäft bereits außerhalb der eigenen Branche auf, besonders häufig in Bereichen mit hohen technischen Anforderungen, etwa in der Rüstungsindustrie (25 %), der Energiebranche (16 %) sowie in Luftfahrt, Medizintechnik und Bahn (je 9 %).

„In diesen Feldern können Zulieferer ihre bestehenden Stärken nutzen: Präzision, Qualitätssicherung und regulatorische Erfahrung“, so Ralf Winzer. „Aber es ist kein leichter Weg: Neue Zulassungsverfahren, andere Produktzyklen und ungewohnte Kundenerwartungen stellen viele Unternehmen vor operative und kulturelle Hürden. Wer diesen Schritt dennoch wagt, tut das meist aus Notwendigkeit, nicht aus Komfort. Bemerkenswert ist, dass viele Automobilzulieferer es offenbar als aussichtsreicher ansehen, in einer neuen Branche Fuß zu fassen, als sich auf die immer relevanter werdenden OEMs aus China einzustellen.“
Mehrheit der Zulieferer kann keine Beziehungen zu chinesischen OEMs etablieren
Chinesische Hersteller drängen mit Tempo auf den europäischen Markt und stellen die hiesige Zulieferindustrie laut der Studie vor eine doppelte Herausforderung. Zum einen verdrängen importierte Fahrzeuge aus China zunehmend lokal produzierte Modelle, was zu größer werdenden Absatzrückgängen bei europäischen OEMs und ihren Zulieferern führt. Zum anderen bringen chinesische Hersteller ihr eigenes, eingespieltes Zuliefernetzwerk mit – kostengünstig, leistungsfähig und gut vernetzt.
Doch bislang richtet sich nur eine Minderheit auf diese potenziellen neuen Kunden aus. Vier von fünf deutschen Automobilzulieferern (83 %) halten eine Zusammenarbeit mit chinesischen OEMs zumindest für schwierig, fast die Hälfte (47 %) sogar für sehr schwierig. 25 Prozent bauen gezielt Vertriebsstrukturen zu chinesischen Herstellern in Europa auf oder planen dies. Jeder fünfte Zulieferer (19 %) entwickelt oder plant Produkte, die auf die technischen Anforderungen chinesischer Hersteller ausgerichtet sind. Die Mehrheit von 57 Prozent nimmt den Wettbewerb um die chinesischen Hersteller gar nicht erst auf – und schließt damit eine künftige Zusammenarbeit weitgehend aus.
Einige Unternehmen reagieren mit alternativen Strategien: 47 Prozent wollen sich unabhängiger von nationalen OEMs aufstellen, 34 Prozent vermeiden Exklusivitätsbindungen und 26 Prozent suchen neue Partnerschaften, meist mit westlichen Technologieunternehmen, um Abhängigkeiten zu reduzieren und Know-how zu teilen beziehungsweise zu erlangen.
„Viele Zulieferer sehen den Markteintritt chinesischer OEMs bislang vor allem als Bedrohung, nicht als Chance“, sagt Winzer. „Und das ist nachvollziehbar: Die neuen Wettbewerber bringen eingespielte Liefernetzwerke und erhebliche Kostenvorteile mit. Doch wer sich jetzt nicht bewegt, schmälert seine Zukunft in der eigenen Industrie drastisch. Chinesische OEMs werden den Weltmarkt – insbesondere im Bereich der Elektromobilität – entscheidend mitprägen. Wer heute nicht versucht, Anschluss an diesen Markt zu finden, wird ihn in wenigen Jahren vollständig abgehängt sein.“
Rückgang im Verbrennermarkt zwingt Unternehmen zu strategischen Entscheidungen
Ein weiteres Problem benennt die Branche heute sehr klar: Der Verbrennermarkt schrumpft – und damit das traditionelle Geschäft vieler Zulieferer. 64 Prozent rechnen weltweit mit einem anhaltenden Rückgang und sind davon direkt betroffen, mehr als ein Drittel (34 %) stark oder sehr stark. Von den Betroffenen wollen sich 27 Prozent von Produkten und Dienstleistungen rund um den Verbrenner zurückziehen, mehr als die Hälfte (55 %) will oder kann das nicht.
Wie die Allensbach-Studie zeigt, reagieren die Unternehmen unterschiedlich: 54 Prozent haben Produktionskapazitäten bereits verlagert oder planen dies, 52 Prozent investieren in Zukunftstechnologien, 27 Prozent suchen nach Beteiligungen an Start-ups oder technologieaffinen Firmen. Auffällig ist, dass ein ebenso hoher Anteil bislang keine dieser Maßnahmen ergreift.
Auch Künstliche Intelligenz (KI) nutzen viele Unternehmen bislang nicht als ausreichenden strategischen Hebel. Zwar setzen 89 Prozent der Automobilzulieferer bereits KI ein, doch überwiegend in generativen Anwendungen – etwa zur Text-, Bild- oder Präsentationserstellung. Seltener kommt KI dagegen in industriellen Einsatzfeldern zum Tragen: In der Qualitätssicherung nutzen sie 51 Prozent der Unternehmen, in der vorausschauenden Wartung (Predictive Maintenance) rund 32 Prozent. Insgesamt bleibt der industrielle KI-Einsatz damit auf einen kleineren Teil der Branche beschränkt. 57 Prozent erwarten, dass KI die Strukturen und Prozesse der Branche in den kommenden Jahren stark verändern wird.
„Viele Unternehmen reagieren auf den Rückgang des Verbrennermarkts mit einem Mix aus Verlagerung, Diversifikation und technologischer Transformation“, berichtet Winzer. „KI könnte dabei ein möglicher Hebel sein, um Effizienz und Produktivität zu steigern. Doch wir sehen: Eine aktive Minderheit handelt, während die Mehrheit abwartet – oder ihre Ressourcen auf den Eintritt in andere Branchen konzentriert.“
Finanzierungsdruck und Insourcing verschärfen den Strukturwandel
Neben den bekannten Standortfaktoren belasten zwei weitere Entwicklungen die Branche im Jahr 2025 spürbar: erschwerte Finanzierung und zunehmendes Insourcing. 28 Prozent der Unternehmen berichten von einem erschwerten Kreditzugang – der höchste Wert aller Industrieunternehmen, die von Allensbach befragt worden sind. Wo Finanzierungen haken, verschieben 92 Prozent Investitionen, zwei Drittel (62 %) haben bereits Arbeitsplätze abgebaut.
Gleichzeitig holen viele Hersteller ausgewählte Komponenten wieder in die eigene Produktion: 17 Prozent der Zulieferer berichten bereits von spürbarem Insourcing, weitere 38 Prozent erwarten, dass sich dieser Trend künftig weiter verstärken wird.
„Die Allensbach-Untersuchung verdeutlicht die Vielschichtigkeit der Probleme, die auf die deutschen Zulieferer derzeit gleichzeitig einwirken“, sagt Winzer. „Entscheidend ist jetzt, die eigene Position klar zu bestimmen – und daraus eine strategische Richtung abzuleiten. Der Druck zur Konsolidierung wird zunehmen, und nicht alle Unternehmen werden den Weg in neue Branchen erfolgreich gehen können. Wer aber seine Stärken realistisch bewertet, früh Prioritäten setzt und sich fokussiert aufstellt, hat die Chance, diesen Wandel als Neustart zu nutzen – und nicht als Endpunkt.“

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