Im Interview mit dem Portal Electrive blickt der Chef des Anbieters leistungsstarker Gleichstrom-Schnellladestationen (DC) Alpitronic Philipp Senoner über die Lage der Ladeinfrastruktur zurück und nach vorn.
Die Auslastung öffentlicher Schnellladepunkte in Europa liege derzeit nur zwischen zwei und acht Prozent. Das sei kein Henne-Ei-Problem mehr, sondern zeige, dass die bestehende Infrastruktur noch nicht ausreichend genutzt wird. Für viele Betreiber reiche diese Auslastung nicht für ein wirtschaftliches Geschäftsmodell – es brauche schlicht mehr E-Autos pro Ladepunkt.
Politisch fordert Senoner eine sachlichere Debatte und einen verlässlichen, zukunftsgerichteten regulatorischen Rahmen. Offene Fragen beträfen vor allem die Ladeinfrastruktur in Großstädten, die bessere Nutzung bestehender Parkräume und wenige verbliebene weiße Flecken. Der oft beschriebene Gegenwind für die Branche sei in der Praxis weniger stark als dargestellt, problematisch seien vielmehr wiederkehrende Grundsatzdebatten, die Kräfte binden.
Im Pkw-Bereich sieht Senoner weiterhin einen wichtigen Wachstumstreiber, auch wenn einige Märkte reifer würden. Der Fokus liege auf Verdichtung, hoher Verfügbarkeit und einem zuverlässigen Betrieb. Entscheidend sei die professionelle Betreuung über den gesamten Lebenszyklus hinweg, von Wartung bis Serviceeinsatz.
E-Nutzfahrzeuge strategisch „extrem relevant“
Strategisch „extrem relevant“ sei der Hochlauf bei elektrischen Nutzfahrzeugen. Der Markt befinde sich im Aufbau und gewinne sichtbar an Substanz. Besonders ins Gewicht falle der Energiebedarf: Bis 2030 könnten Elektro-Lkw rund 35,5 TWh Strom benötigen, während der gesamte Pkw-Bereich bei etwa 24 TWh liege.
Mit Blick auf prognostizierte 374.000 DC-Ladepunkte für Lkw und 514.000 für Pkw werde deutlich, dass es im Nutzfahrzeugsegment weniger um die Anzahl der Ladepunkte gehe als um hohe Ladeleistungen und leistungsfähige Netzanbindungen. Der Großteil der Ladevorgänge werde in Depots stattfinden, wofür individuelle Lösungen notwendig seien. Gleichzeitig warnt Senoner davor, dass fehlende Netzanschlüsse den Markthochlauf ausbremsen könnten.
Logistikunternehmen kalkulierten den Umstieg nüchtern. E-Lkw benötigten rund 60 Prozent weniger Energie als Diesel-Fahrzeuge, unabhängig von kurzfristigen regulatorischen Signalen. Investiert werde dort, wo Nutzung planbar sei: in Depots mit festen Routen und entlang klar definierter Korridore. Depot-Laden biete zusätzliche wirtschaftliche Potenziale durch Photovoltaik-Eigenverbrauch, Speicher, intelligentes Lastmanagement sowie perspektivisch Vehicle-to-Grid und eine Öffnung für Dritte.
Technisch unterschieden sich Lkw-Ladeparks grundlegend von Pkw-Anlagen, erklärt Senoner. Hohe Ladeleistungen, nahezu voll auszulegende Netzanschlüsse, Speicherlösungen, spezielle bauliche Anforderungen und höhere Investitionen prägten diese eigene Infrastrukturklasse. Entsprechend wichtig seien hohe Verfügbarkeit, schnelle Servicezeiten und planbare Ladeprozesse, etwa durch reservierbare Ladepunkte.
Förderung nötig, aber nicht dauerhaft
Öffentliche Fördermittel hält Senoner für entscheidend, da sich Wirtschaftlichkeit erst mit steigender Auslastung einstelle. EU-Programme wie AFIF minderten die Risiken der ersten Investitionswelle und zögen privates Kapital an. Gleichzeitig warnt der Alpitronic-Chef vor dauerhafter Subventionsabhängigkeit und versteht Subventionen als zeitlich begrenzten Katalysator für ein später vollständig kommerzielles Lkw-Ladenetz.
Beim öffentlichen Laden betont Senoner, dass höhere Preise nicht aus der Geschwindigkeit, sondern aus Infrastruktur, Netzanschluss, Wartung und 24/7-Verfügbarkeit resultierten. Als Hersteller konzentriere sich Alpitronic auf Effizienz und Zuverlässigkeit, etwa mit einem Wirkungsgrad von 97,5 Prozent. Die Preisgestaltung liege beim Betreiber. Für den Alltag sei entscheidend, welche Ladeleistung Fahrzeuge über relevante Zeiträume abrufen könnten; Spitzenleistungen spielten oft nur kurz eine Rolle. Alpitronic arbeite an skalierbaren Lösungen, die heutige Elektrofahrzeuge bedienen und kommende Generationen vorbereiten.
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