Oliver Zipse verlässt in wenigen Wochen den Chefposten bei BMW, er ist schon seit über 35 Jahre für den Konzern tätig. Eigentlich gibt es für seine Stelle eine Altersgrenze von 60 Jahren, die Bayern haben ihrem Noch-CEO aber zwei Jahre länger an der Spitze gewährt. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung sprach Zipse über seine Sicht auf die aktuelle Lage der Autoindustrie.
Der Manager und sein Nachfolger, der bisherige Produktionsvorstand Milan Nedeljković, sind mit großen Herausforderungen konfrontiert. Dazu gehören neben der allgemeinen Transformation der Branche insbesondere die Kriege im Iran und in der Ukraine sowie das Zollchaos. Nach dem Angriff der USA auf den Iran stieg zuletzt der Benzinpreis stark. Danach gefragt, ob das die Nachfrage nach Elektroautos anfachen werde, gab sich der BMW-Chef zurückhaltend.
„Vorsicht bei solchen vermeintlich einfachen Kausalzusammenhängen“, sagte er. „Die Nachfrage nach einer bestimmten Antriebsform hängt von vielen Faktoren ab. Und wir wissen im Moment ja auch nicht, ob es infolge des Krieges nicht auch zu einem Anstieg der Strompreise kommen könnte. Ich will hier nicht spekulieren.“
In München hat der Konzern gerade sein Stammwerk umgebaut, um Modelle auf der Elektroauto-Plattform „Neue Klasse“ zu fertigen. Die Alternative wäre gewesen, auf der grünen Wiese etwas Neues zu bauen. BMW wolle aber in München verwurzelt bleiben, erklärte Zipse. Zudem hätte man ein relevantes Produktionsvolumen verloren und auch viele kompetente Mitarbeiter. „Das Werk steht mitten in der Stadt, und wir stehen damit mitten in der Gesellschaft. Das ist uns wichtig.“
Mit Blick auf den Standort Deutschland ärgere ihn das fehlende Selbstbewusstsein, das hier leider gerade sehr ausgeprägt sei. „Dabei brauchen wir doch nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Europa hat so viele Unternehmen, die in ihren Branchen weltweit führend sind. Diese Denke, dass wir überrollt werden – die teile ich ausdrücklich nicht!“
„Jammern hilft einfach nicht“
Die Argumente wiederholten sich: Energiekosten, Arbeitskosten und die Menschen würden zu wenig arbeiten. Das habe er in den letzten 30 Jahren immer wieder gehört. „Wenn Sie Unternehmer sein wollen, dann müssen Sie die Gegebenheiten annehmen und das Beste daraus machen“, meinte der BMW-CEO. „Jammern hilft da einfach nicht. Ich würde mir mehr Mut und Tatkraft wünschen – und weniger Beschwerden.“ Es werde auch gerne vergessen, dass es in Europa und insbesondere in Deutschland noch immer sehr viele starke Standortfaktoren gebe. Deshalb widerspreche er deutlich, wenn es immer wieder heiße, dass hier alles bergab gehen würde.
Dennoch geht es der europäischen Autoindustrie nicht gut. Einige Hersteller fahren gerade Milliardenverluste ein. Der Wandel hin zu Elektroautos ist kostspielig, Konkurrenz aus China drängt auf den Markt und die Konjunktur sowie neue Zölle etwa in den USA belasten das Geschäft. Zum Wettbewerb aus China sagte der BMW-Boss, dass der Marktanteil der Hersteller aus der Volksrepublik in Europa im einstelligen Bereich liege. Daraus auf einen gefluteten Markt zu schließen, halte er für überzogen. Bei BMW sei man überzeugt von seinen Produkten und Innovationen und „absolut wettbewerbsfähig“. Die Absatzzahlen belegten das.
BMW sei zwar kein Massenhersteller, aber harten Wettbewerb gebe es überall in der Industrie. Erfolg sei nicht vom Marktsegment abhängig, sondern von individuellen unternehmerischen Entscheidungen. „Übrigens sehe ich auch nicht, dass der Markt und die Industrie komplett zusammenbrechen würden“, betonte Zipse. Die Marktbedingungen veränderten sich und auch die Marktteilnehmer. Das sei schon immer so gewesen. Wenn man erfolgreich bleiben wolle, seien viele Dinge entscheidend: „Ihre Strategie, Ihre Produkte, die Stärke Ihrer Marken, Ihre Innovations- und Finanzkraft. Wir sind richtig aufgestellt, um auch in Zukunft ganz vorne mitzuspielen.“
Europas Elektromobilität ist abhängig von Batteriezellen aus China, was zunehmend für Warnungen aus Politik und Industrie sorgt. Das Land habe die komplette Wertschöpfungskette rund um die E-Mobilität über viele Jahre aufgebaut – auch mit der entsprechenden staatlichen Förderung. Deshalb gehörten die chinesischen Akkuhersteller heute zu den führenden weltweit, erklärte Zipse. „Und wir dürfen nicht vergessen, dass jedes Unternehmen abhängig ist – als Autohersteller beispielsweise von seinen Kunden, seinen Mitarbeitern und seinen Zulieferern.“
„Unabhängigkeit ist die falsche unternehmerische Zielsetzung“
Unabhängigkeit ist nach Ansicht des scheidenden BMW-Chefs die falsche unternehmerische Zielsetzung, sie sei in der vernetzten globalen Welt auch nicht realistisch. Was es brauche, sei eine resiliente und breite Aufstellung. Deshalb setze der bayerische Autokonzern auch nicht alles auf eine Karte, was das Antriebsangebot betrifft. Und bei der Beschaffung von Batteriezellen setze man auf mehrere internationale Zulieferer.
„Wenn die vermeintliche Abhängigkeit von Batterien aus China so kritisch gesehen wird – warum wird dann in Europa ein Verbot von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor ab 2035 ausgesprochen?“, fragte der Branchenveteran. „Gerade bei dieser Technologie ist die Abhängigkeit von anderen Ländern oder Weltregionen doch sehr viel geringer, und wir haben extrem viel Kompetenz und Wissen – um das uns andere übrigens nach wie vor beneiden.“
Eine skalierungsfähige deutsche oder europäische Batteriezell-Industrie ohne Beteiligung der etablierten asiatischen Hersteller hält Zipse „für ausgeschlossen“. Der gescheiterte Versuch des schwedischen Herstellers Northvolt zeige, wie schwer es ist, die Massenfertigung in der entsprechenden Qualität zu etablieren. Es sei auch keine reine Geldfrage, es gehe um viel mehr: Know-how, Erfahrung, Maschinen. BMWs Ansatz sei ein anderer: „Wir forschen selbst intensiv und entwickeln unsere Zellen und deren Produktionsverfahren in Eigenregie. Und die Großserienfertigung übernehmen erfahrene Hersteller für uns.“ Diese Aufteilung hält der Automanager für die Bedürfnisse des Unternehmens für am besten. Man könne und müsse nicht zwangsläufig jeden Produktionsschritt in Europa machen.
Danach gefragt, wo dann die Zukunft für Deutschland sei, sagte Zipse: „Ich bin überzeugt, das Auto, das Sie hier sehen, das können Sie nur in Deutschland kreieren, nicht in China und nicht in den USA.“ Damit meinte er den neuen elektrischen 3er, der bald als zweites Modell der Neuen Klasse vorgestellt werden soll. Das Elektroauto sei ein globales Produkt, das weltweit auf drei Kontinenten produziert und überall auf der Welt verkauft werde. „Da steckt deutsche Ingenieurskunst drin, genauso wie amerikanische Technologie und Komponenten aus China. Aber nur in Deutschland können Sie modernste Technologien auf solch einzigartige Weise zusammenbringen und daraus ein so begeisterndes Produkt machen.“
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