Martin Sander, Vertriebsvorstand von VW Pkw, hat in einem ausführlichen Interview mit der Autogazette unter anderem über die Krisenstimmung in der Industrie, Absatzerwartungen und die Elektromobilität gesprochen.
Die Situation in der Branche sei herausfordernd. Der Wettbewerbsdruck sei „riesig“, neue chinesische Wettbewerber drängten auf den Markt und setzten alle Hersteller unter Druck. Danach gefragt, ob es die von einigen im letzten Jahr ausgerufene Krise der Elektromobilität gebe, meinte der Manager: „Vielleicht haben wir alle gemeinsam das Wachstum der Elektromobilität anfangs zu optimistisch bewertet.“ So schnell, wie man das vor ein paar Jahren gedacht habe, sei es nicht gekommen.
„Aber Elektromobilität wächst – und zwar deutlich und zu Recht“, so Sander. Es gebe Märkte, in denen sich die E-Mobilität bereits vollständig durchgesetzt habe – Norwegen, Dänemark. Auch in Frankreich, in Großbritannien und in Deutschland steige der Anteil von Elektroautos. Aber vor allem zeige sich: Kunden, die einmal elektrisch gefahren sind, seien überwiegend so überzeugt von der Technologie, dass sie nie wieder zurück zum Verbrenner wollen. Jetzt gehe es darum, dass die richtigen Autos auf den Markt kommen, die richtigen Preissegmente bedient werden. Zudem müsse in weiten Teilen Europas die Ladeinfrastruktur verbessert werden.
„Transformation läuft langsamer als erwartet“
Die Transformation laufe, aber sie laufe langsamer als erwartet. Deshalb brauche die Industrie mehr Flexibilität, so der Manager weiter. „Es war in der Vergangenheit politischer Konsens in der EU, dass Strafzahlungen vermieden werden sollen, damit das Geld in den Unternehmen bleibt, um investieren zu können. Deshalb regen wir einen Ausgleichszeitraum von 2028 bis 2032 an, in dem die CO2-Vorgaben erreicht werden müssen.“ Sander halte es „grundsätzlich für falsch“, Menschen von einer neuen Technologie überzeugen zu wollen, indem man die vorherige verbietet. Wichtiger sei, dass die Kunden persönlich überzeugt sind.
Es sollte darüber gesprochen werden, warum Elektromobilität gut ist und was man ändern muss, damit sie für alle funktioniert. „Um als internationale Marke weltweit erfolgreich zu sein, brauchen wir ein wettbewerbsfähiges Portfolio aus Verbrennern, Hybriden und Elektroautos“, sagte Sander. Daneben brauche es aber auch verlässlich günstige und einheitliche Ladestrompreise für die Fahrer eines E-Autos.
„Das ist ein klares Commitment der Bundesregierung“
Zur neuen Elektroauto-Kaufprämie erklärte der VW-Manager, dass es gut sei, dass es sie gibt. „Das ist ein klares Commitment der Bundesregierung zur Elektromobilität und gibt den Kunden Orientierung. Die Mechanik kennen wir, sie hat funktioniert.“ Allerdings hätte sich das Unternehmen gewünscht, dass auch Gebrauchtwagen einbezogen werden – denn gebrauchte E-Autos seien für viele Kunden mit geringerem Einkommen interessant.
Viele Leasingfahrzeuge kämen jetzt zurück und seien preislich sehr attraktiv, was der Zielgruppe von mittleren und kleinen Einkommen sehr entgegenkomme. Der Gebrauchtwagenmarkt für E-Autos entwickele sich aber gerade erst, hier könnte eine Prämie für Gebrauchte Vertrauen schaffen, so Sander. Allerdings gebe dann auch den Effekt, dass die Einbeziehung von Gebrauchtwagen in die Förderung „etwas Entspannung“ bei den Restwerten bringen werde.
In Europa konnte Volkswagen bei den vollelektrischen Fahrzeugen im Vorjahr über 49 Prozent zulegen, in Deutschland waren es fast 61 Prozent. „Das Wachstum wird sich fortsetzen, sogar perspektivisch beschleunigen“, glaubt Sander. „Natürlich hilft da die Prämie, vor allem aber unsere attraktiven neuen vollelektrischen Produkte.“ Damit meint er vor allem die kommenden E-Kleinwagen ID. Polo und ID. Cross.
„Diese Modelle werden das Wachstum der Marke Volkswagen im Elektromarkt in Europa deutlich beschleunigen. Das sind riesige Segmente – kleine Hatchbacks und kleine SUVs“, so der VW-Pkw-Vertriebsvorstand. „Wir stoßen damit in ein Preisniveau ab etwa 25.000 Euro vor und ermöglichen einer deutlich größeren Kundengruppe den Einstieg in die Elektromobilität.“ Neben den erzielten Skaleneffekten und den Kostenreduzierungen eröffne das Unternehmen mit diesen beiden Modellen noch mehr Kunden den Zugang zur Elektromobilität. Sie hätten das Potenzial, europaweit einen spürbaren Schub für die Elektrifizierung des Verkehrs auszulösen.
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