Mit dem Microlino wollte die Schweizer Unternehmerfamilie unter Oberhaupt Wim Ouboter ein kleines elektrisches Leichtfahrzeug in großer Stückzahl international zum Erfolg machen. Doch nun droht dem Projekt laut einem Bericht das Aus. Im Interview mit dem Schweizer Tagesanzeiger äußerte sich Ouboter dazu.
Der Microlino sei schon ein „mutiges“ Produkt, sagte Ouboter. Zumal sich Umweltbedenken in letzter Zeit stark verflüchtigt hätten. „Als wir vor zwei Jahren anfingen, dachten wir, der Microlino wird in der Mobilität das nächste grosse Ding. Doch nun macht die EU selbst beim Verbrenner-Ausstieg einen Rückzieher. ‚Technologieoffenheit‘ ist das Unwort der Stunde.“
Die EU-Kommission hat kürzlich vorgeschlagen, ab 2035 auch noch fossil betriebene Verbrenner neu zuzulassen. Eigentlich sollten dann nur noch CO2-freie Autos neu auf die Straßen kommen dürfen. Von der Gesetzgebung ist der Microlino als Kleinstfahrzeug der Klasse L7e zwar nicht betroffen, aber eben von der schwächelnden Nachfrage nach E-Mobilität.
Man glaube immer noch, dass es einen Markt für kleine und leichte Fahrzeuge gibt und Microcars für kurze Strecken ein wichtiger Teil der Verkehrswende sind, betonte Ouboter. An der Ausgangslage habe sich nichts geändert: Es brauche ein Umdenken in Richtung klimaschonende Mobilität. In der Schweiz etwa könnten viele von Montag bis Freitag einen sauberen Kleinstwagen fahren und das große Auto nur für den Wochenendausflug nehmen.
„Es könnte deutlich besser laufen“
Der Vorteil des Mini-Elektroautos sei, dass es nur eine kleine Batterie braucht, weil es so leicht ist. Deshalb könne der Microlino an einer normalen Haushaltssteckdose geladen werden. Damit könnten selbst die besten E-Autos nicht mithalten. Danach gefragt, wie das Geschäft laufe, räumte Ouboter ein: „Es könnte deutlich besser laufen.“ Der Preis sei noch zu hoch, das wisse man. Aber momentan gehe es einfach nicht billiger. Hierzulande kostet der Microlino ab 17.990 Euro.
Das Unternehmen könne den Microlino nicht durch teurere Modelle querfinanzieren, erklärte Outobter. Jeder investierte Franken stamme aus dem Verkauf von Trottinetts (Tretroller d. Red.), mit denen das Unternehmen groß und erfolgreich geworden ist. Zweitens nähmen die großen Leasingfirmen das Gefährt nicht auf, weil sie wegen der fehlenden Erfahrung die Kosten und den Restwert des Fahrzeugs nicht kalkulieren könnten. Und drittens seien die Schweiz und Europa für ein Auto-Start-up ein hartes Pflaster.
Ouboter sieht sein Unternehmen von Auto-Lobbyisten in der Schweizer Politik benachteiligt. Auch in der EU mache man es dem Microlino nicht leicht, so werde dieser bei Kaufprämien für E-Autos nicht berücksichtigt. „Der Grund ist eine europäische Regulierung: Microcars fallen unter die sogenannte L7e-Kategorie – und damit durch alle Förderraster. Das bedeutet: Für uns gibt es weder Subventionen noch tiefere Steuern oder CO2-Gutschriften.“ Fahrer von schweren Elektro-SUV oder Luxuslimousinen profitierten dagegen von Steuererleichterungen – diese „Schizophrenie“ ärgere ihn.
Der Microlino wird im italienischen Turin bei einem Partner gebaut – vielleicht aber nicht mehr lange. Die hohen Kosten für Energie und Administration machten es nahezu unmöglich, den kleinen Stromer weiter in Europa zu bauen, so Outboter. Zudem schulde der Staat dem Unternehmen drei Millionen Euro an Mehrwertsteuern.
China bietet Unterstützung an
„Zwar glaube ich immer noch an unsere Vision, sonst hätte ich nicht über 70 Millionen Franken aus eigener Tasche investiert. Aber wenn wir aus der EU oder der Schweiz nicht mehr Unterstützung erhalten, müssen wir die Produktion einstellen – oder nach China verlagern“, sagte Ouboter.
In der Volksrepublik seien die Rahmenbedingungen gerade für Start-ups deutlich besser. Der chinesische Staat betreibe eine aktive Wirtschaftsförderung und habe den Vorschlag gemacht, den Microlino in einer bestehenden Autofabrik zu produzieren. Die Kosten wären dann etwa 50 Prozent tiefer als in Italien. Zudem sei den Schweizern angeboten worden, einen zweistelligen Millionenbetrag in die Entwicklung eines neuen Modells zu investieren.
„Wir möchten Europa nochmals eine Chance geben. Doch je länger, je mehr wird klar: Die Zukunft der Autoindustrie liegt in China“, so Ouboter. Dort fänden die technologischen Entwicklungen statt, dort gebe es die besten Ingenieure, den größten Markt und die meisten Zulieferer. Viele europäische Automarken hätten ihre Entwicklungszentren bereits nach China verlegt. Auch für den Microlino könnte das der richtige Weg sein.
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