Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), warnt im Interview mit dem Portal T-Online vor den wirtschaftspolitischen Positionen der AfD. Die Partei sei innovationsfeindlich bei E-Autos, Forschung, Entwicklung und erneuerbaren Energien und vertrete mit einem möglichen Ausstieg aus Euro und Europäischer Union Positionen, die der exportorientierten Industrie schadeten.
Müller fordert stattdessen Technologieoffenheit, zu der auch Verbrenner mit klimaneutralen Kraftstoffen gehören, sowie einen Ausbau erneuerbarer Energien. Zugleich kritisiert die Lobbyistin, dass die Regierenden in Berlin und Brüssel bestehende Probleme nicht entschlossen genug angingen.
Die derzeitigen Arbeitsplatzverluste führt Müller auf zwei Effekte zurück. Beim Wechsel vom Verbrenner zur E-Mobilität sinke wegen der geringeren Zahl von Komponenten auch der Bedarf an Arbeitsplätzen, was besonders Zulieferer und Regionen treffe. Gleichzeitig entstünden neue Stellen nicht in gleicher Zahl und zunehmend außerhalb Deutschlands. Arbeitskosten, Bürokratie, Steuern und Energiekosten lägen im innereuropäischen Wettbewerb am oberen Ende. Mehr als 70 Prozent des Mittelstands sähen sich nicht mehr in der Lage, in Deutschland zu investieren.
Für Forschung, Entwicklung und Digitalisierung nennt die VDA-Präsidentin Investitionen der Autoindustrie von rund 320 Milliarden Euro, hinzu kämen weitere 220 Milliarden Euro für den Auf- und Umbau von Werken. Dennoch könne eine wettbewerbsfähige Branche künftig mit weniger Arbeitsplätzen in Deutschland verbunden sein, falls Berlin und Brüssel nicht gegensteuern. Für den Zeitraum von 2019 bis 2035 habe der VDA einen Verlust von etwa 225.000 Arbeitsplätzen durch die Transformation berechnet, nachdem zunächst 190.000 angenommen worden seien. Die Zahl könne weiter steigen, wenn neue Investitionen nicht in Deutschland erfolgen.
Bei der Bundesregierung sieht Müller Fortschritte bei spezifischen Themen der Autoindustrie, aber Lücken bei Steuern, Energie und sozialen Sicherungssystemen. Es fehle nicht an Ernsthaftigkeit, sondern „am Mut zu Konsequenzen“. Zudem kritisiert die VDA-Chefin die hohe Beschäftigung der Politik mit sich selbst. Berlin und Brüssel hätten erkannt, dass Regulierung zur Belastung geworden sei, dennoch kämen weitere Auflagen hinzu. Müller spricht von systemischen Herausforderungen, auf die systemische Antworten nötig seien.
„Verbote gewinnen nicht die Herzen der Menschen“
Die schwächere Nachfrage nach Elektroautos führt Müller auf mehrere ausdrücklich genannte Faktoren zurück. Hersteller hätten mit einem stärkeren Zulauf zur Elektromobilität gerechnet und Kapazitäten umgebaut, die nun teilweise nicht ausgelastet seien. Sie rate jedem, einmal ein Elektroauto zu fahren – wer das getan habe, sei in der Regel begeistert. Verbote seien nicht das Instrument, mit dem Politik die Herzen der Menschen gewinne.
Als entscheidenden Schlüssel bezeichnet die VDA-Chefin die Lademöglichkeiten. E-Autos würden bislang überproportional von Menschen in Häusern gefahren, während Mietwohnungen die Norm seien. Zugleich könnten lange Wartezeiten auf Netzanschlüsse die Anschaffung von Elektro-Lkw verhindern. „Wir brauchen einen Netzausbau, der dem Bedarf vorauseilt“, fordert Müller.
Beim wachsenden Absatz chinesischer Autos verweist die VDA-Präsidentin darauf, dass deren Anteil in Europa im Juli 11,2 Prozent betrug und damit knapp 90 Prozent des Marktes nicht chinesisch waren. Sie hebt zudem hervor, dass sieben von zehn hier verkauften Elektroautos von deutschen Herstellern stammten. Gleichzeitig verweist sie auf rund 400 Marken in China, von denen mindestens 98 Prozent kein Geld verdienten, sowie auf staatliche Industriepolitik und Überkapazitäten der Volksrepublik. Einen abgeschotteten europäischen Markt lehnt Müller mit Blick auf den eigenen Anspruch ab, Produkte weltweit anbieten zu können, fordert aber eine Debatte über unfaire Wettbewerbsbedingungen.
Bei einzelnen Unternehmensentscheidungen wie möglichen in China entwickelten Volkswagen-Modellen für deutsche Werke hält sich die VDA-Chefin mit einer Bewertung zurück. Sie sieht jedoch Unterschiede bei der Geschwindigkeit, mit der andere Länder Innovationen umsetzen, und stellt die Frage, welche Regulierung die Einführung neuer Technologien bremst. Beim autonomen Fahren gebe es bisher nur Testfelder, zudem halte die europäische Datenpolitik nicht mit.
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